Die Sozialraumorientierung und hiermit zusammenhängend infrastrukturelle Leistungen im Sozialraum haben in der aktuellen Debatte zur Fortentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe in Zeiten knapper Ressourcen besondere Bedeutung gewonnen. Doch was genau ist damit gemeint? Geht es um bessere Infrastruktur vor Ort, um Kooperation zwischen Jugendamt und freien Trägern oder um die Steuerung individueller Hilfen?
Gerade hier lohnt sich ein vertiefende Betrachtung unter Berücksichtigung verschiedenster Ebenen. Viele Grundideen der Sozialraumorientierung gehören längst zum Kern der Kinder- und Jugendhilfe: Beteiligung, Wunsch- und Wahlrecht, Orientierung am Willen der Leistungsberechtigten und ein ressourcenorientierter Blick auf Familien und junge Menschen. Die Frage ist also: Was bringt Sozialraumorientierung zusätzlich – und wo wird sie problematisch? Welche Auswirkungen haben Sozialraumorientierung und infrastrukturelle Leistungen auf die Steuerung des Leistungsrechts durch die Jugendämter, die Jugendhilfeplanung, das Rechtsverhältnis zwischen öffentlicher und freier Jugendhilfe und das Leistungserbringerrecht?
Kritisch wird es insbesondere dann, wenn Sozialraumorientierung als Instrument der Fallsteuerung verstanden wird: wenn individuelle Rechtsansprüche durch pauschale Budgets ersetzt, Fälle bevorzugt bestimmten Trägern zugewiesen oder Wahlmöglichkeiten faktisch eingeschränkt werden.
Sozialraumorientierung kann aber auch ein gutes Mittels zur Stärkung junger Menschen und Entlastung der Jugendhilfeträger sein. Hierzu bedarf es einer guten strukturellen Planung und eines partnerschaftlichen Handelns der öffentlichen und freien Jugendhilfe. Hierbei sind vielfältige Fragen zu beantworten. Wo fehlen Angebote? Welche Infrastruktur brauchen Kinder, Jugendliche und Familien in einem Stadtteil oder Landkreis? Wie können öffentliche und freie Träger gemeinsam tragfähige Strukturen entwickeln, ohne individuelle Hilfen zu verdrängen und gleichzeitig ressourcenschonend(er) die Kinder- und Jugendhilfe vollziehen.
Diese Spannungsverhältnis und gute Möglichkeiten der Weiterentwicklung möchten wir mit Ihnen diskutieren: Wann stärkt Sozialraumorientierung die Kinder- und Jugendhilfe – und wann gefährdet sie fachliche Standards, Trägervielfalt und individuelle Rechte? Wir laden Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe herzlich ein, mit uns die Chancen, Grenzen und Fallstricke der Sozialraumorientierung zu beleuchten. Insbesondere vor dem Hintergrund der kommenden Veränderungen mit den Strukturreformgesetzen Stufe 1 und 2 in der Kinder- und Jugendhilfe hat die Thematik eine ganz besonderes aktuelle Bedeutung.
Wir freuen uns auf eine kontroverse und praxisnahe Diskussion mit Ihnen sowie Herrn Dr. Deinet, der sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit Sozialraumorientierung beschäftigt und Herrn Wieczorek aus dem Jugendamt Köln, die viele Jahre unter einem sozialräumlichen Fachkonzept gearbeitet haben.